"Wir dürfen jetzt ein bisschen traurig sein...

          Mit diesen Worten wird der niedersächsische Ministerpräsident Stefan Weil in der Hildesheimer Allgemeinen zitiert. Und das nach einem Wahlabend, an dem der SPD-Kandidat für den Bürgermeisterposten in Hannover krachend gescheitert ist und an dem die SPD in Thüringen mit 8 % auch an der 5-Prozent-Hürde hätte scheitern können.

          Hinzu kommt ein quälend langer Auswahlmarathon um den Parteivorsitz der SPD. Nicht mal die Hälfte aller Mitglieder unserer Partei haben eine gültige Stimme abgegeben. Und nach weiteren quälenden Wochen soll es dann ein 67jähriger Rentner oder ein staubtrockener Finanzminister richten. Und ihre Partnerinnen?! Sie standen jeweils stumm und milde lächelnd daneben, während ihre beiden Männer in der Tagesschau ihre Statements abgaben. Erinnerte mich an das Frauenbild der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts!

           "Wir haben verstanden" kommentierte Gerhard Schröder 2003 die damaligen verheerenden Landtagswahlergebnisse. "Jetzt geht's los!" skandierten die Delegierten nach der Vorsitzwahl von Martin Schulz. "Erneuerung!" tönte es aus allen Kanälen nach der Wahl von Andrea Nahles. Und jetzt heißt es "Aufbruch und Neuanfang"! oder bescheidener "Wir müssen an uns arbeiten" (Stephan Weil).  Ich muss es so hart sagen: Das alles wirkt auf mich wie bei einem Alkoholiker, der sich nach jedem Rückfall neuen Mut zuspricht.

          Erfreuliches wenigstens vor Ort bei uns in Harsum: Unsere Vorsitzende Iris Grondke blickt auf ein gut besuchtes Darts-Turnier an diesem Wochenende und konnte zwei Neueintritte vermelden: Beide sind unter 25!

28.10.2019, Burkhard Kallmeyer


Burkhard Kallmeyer

31177 Hönnersum,                                                                                                           den 19.9.2018

 

 Liebe Parteivorsitzende Andrea Nahles!

 

Ich schreibe Dir mal auf diesem Wege über die Email-Adresse Bundestag, weil Nachrichten über die SPD-Homepage nur selten beantwortet werden und wenn, dann wird man mit allgemeinen Textbausteinen ruhig gestellt (soviel nur zum Thema "Erneuerung", von der wir an der Basis bisher wenig bemerken).

 

Ich bin für ein offenes multikulturelles Deutschland (Zuwanderer haben Deutschland bereichert, seitdem Deutschland existiert), in dem es sich gut und sicher leben läßt innerhalb der Europäischen Union, die ich für die wichtigste Errungenschaft als Lehre aus zwei Weltkriegen ansehe. Wichtig ist mir auch weiterhin die Aussöhnung mit dem Osten, insbesondere Russland und Polen.

 

Nun erleben wir leider den scheinbar unaufhörlichen Aufstieg der AfD, deren Vertreter keinerlei Interesse am Gelingen unserer demokratischen Staatsform zu haben scheinen. Geschickt werden Ängste geschürt, jeder Anschlag, jeder Zwischenfall wird genutzt. Konkrete Umsetzbarkeit von Politik ist nicht ihr Ding. Wenn ich mir vorstelle, dass die Weidels, Gaulands und Höckes einmal in die Regierung kommen, wird mir Angst und Bange. Die Weimarer Republik läßt grüßen!

 

Wir Demokraten sollten uns dagegen stellen (und tun das ja auch) - auch auf Demos und anderen Veranstaltungen zur Verteidigung unserer freiheitlichen, demokratischen Verfassung.

 

Nur - was sollen wir verteidigen?

 

Eine Sozialdemokratische Partei, deren Umfragewerte in ungeahnte Niederungen absinkt?

 

Eine Regierung, die sich ständig streitet, die zu einem Kasperle-Theater zu verkommen scheint und deren Ergebnisse und Erfolge kaum zur Kenntnis genommen werden? So leistet man der AfD und ihren Anhängern Vorschub. Der Streit um den Verfassungsschutzpräsidenten ist nur die Spitze vom Eisberg...

 

Ein Bundestag, der zu einer Kampfarena verkommt, in der Beschimpfungen die Regel werden, wenn man die Kurzausschnitte in den Nachrichten präsentiert bekommt? Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir als Jugendliche gebannt am Radio saßen, wenn ein Carlo Schmid oder ein Adolf Arndt (um mal zwei heute kaum noch bekannte SPD-Politiker zu nennen) im Bundestag sprachen. Arndts Rede in der Verjährungsdebatte gehört mit zum besten, was je im Bundestag gesprochen wurde und hat vielen jungen Menschen damals in einer schweigenden Gesellschaft die Verstrickung unserer Eltern-Generation mit der Nazi-Diktatur drastisch vor Augen geführt.

 

Eine Europäische Union, in der ein Orban oder ein polnischer Parteivorsitzender alles blockieren kann? Was kommt denn beim Bürger an? Die DSGVO mit der Folge, dass sich kein Verein oder ein Ortsverein mehr traut, Bilder von seinen Veranstaltungen auf die Homepage zu stellen. Schulen hier vor Ort ordnen an, dass auf Klassenfahrten nur noch analoge Einmal-Fotoapparate mitgenommen werden dürfen, damit bloß kein Foto im Netz auftauchen kann!

 

Das sind nur einige Probleme, die uns an der Basis bewegen. Ich bin gespannt, ob ihr da oben das Ruder unseres angeschlagenen Tankers SPD noch herumreißen könnt.

 

Mit besten Grüßen,

 

Burkhard Kallmeyer, Ortsbürgermeister in Hönnersum (Niedersachsen)  und seit 53 Jahren SPD-Mitglied

 

PS: Ich stelle dieses Schreiben auf unsere Homepage www.spd-harsum.com. Gerne auch eine eventuelle Antwort.

Kopie an unseren Bundestagsabgeordeneten Bernd Westphal




letzte Aktualisierung: 20.09.2018